Maximales Kaloriendefizit: Gibt es das wirklich? Wie groß?
Geschrieben von Johannes Steinhart (M.Sc. Biomedizin & Ernährungswissenschaften)
Gibt es ein maximales Kaloriendefizit, das du auf keinen Fall überschreiten solltest?
Immer wieder liest man davon, dass das kcal-Defizit nicht größer als 69 kcal pro kg Fett, das du mit dir herum trägst, sein dürfte. Kommst du darüber hinaus, so würden angeblich Muskeln abgebaut werden.
Was hat es mit den 69 kcal/kg Fett auf sich? Stimmt das wirklich?
In einer theoretischen wissenschaftlichen Studie hat S. Alpert versucht, die maximal mögliche “Energietransferrate” von Fett während einer Diät zu errechnen 1Alpert SS. A limit on the energy transfer rate from the human fat store in hypophagia. J Theor Biol. 2005 Mar 7;233(1):1-13. Epub 2004 Dec 8. PubMed PMID: 15615615.. Anders gesagt: wie viel kcal können täglich maximal aus den Fettspeichern gezogen werden?
Geht das kcal-Defizit über diese maximale Transferrate hinaus – so die Theorie – holt sich der Körper die fehlende Energie aus der Muskulatur. Das wollen wir natürlich nicht.
Soweit, so logisch.
69,31 kcal/kg Fett ist die errechnete maximale Energietransferrate. Pro kg Fett, das du mit dir herum trägst, erhöht sich dein maximal mögliches Defizit danach um knapp 70 kcal.

Hier ein paar Beispielsrechnungen für die maximale Energiedefizite verschiedener Personen:
- Bei 100 kg mit 30% KFA: maximal ein 2.079 kcal-Defizit.
- Bei 80 kg mit 20% KFA: maximal ein 1.109 kcal-Defizit.
- Bei 70 kg mit 10% KFA: maximal ein 485 kcal-Defizit.
Grundsätzlich nichts neues: je geringer dein KFA, desto kleiner sollte dein kcal-Defizit sein.
Woher kommt die Zahl 69 kcal pro kg Fett?
Die Zahl wurde aus einer Reihe von komplizierten mathematischen Formeln errechnet. Die Berechnungen basieren unter anderem auf Daten der Minnesota Starvation Studie 2Keys, A., Brožek, J., Henschel, A., Mickelsen, O., & Taylor, H. L., The Biology of Human Starvation (2 volumes), University of Minnesota Press, 1950., also echten Versuchen mit “moderat/normal aktiven” und halb verhungernden Menschen auf Diät. Auf dem Speiseplan standen: Kartoffeln, Wurzelgemüse, Brot und Teigwaren. Die Minnesota Study sollte eine Hungersnot im 2. Weltkrieg simulieren.
Ancel erwähnt in seiner Studie explizit Sportler, die ihre Muskelmasse im Vergleich durch Krafttraining schützen können. So könnte die Fetttransferrate gesteigert werden. Eine andere Möglichkeit seien zukünftig entwickelte Medikamente, welche die biochemischen Beschränkungen der Fettmobilisierung verändern.
Warum mit guten Diäten mehr als 69 kcal/kg Fett möglich sind!
Diese 69 kcal/kg Fett sollten mit etwas Vorsicht betrachtet werden. Diese Zahl sollte nicht mehr als ein grober Anhaltspunkt sein.
Die maximale Fetttransferrate bei proteinreicher Ernährung in Kombination mit Krafttraining ist vermutlich höher.
Warum ist das so?
- Eine moderne Diät, die zwar ebenfalls die kcal stark reduziert, aber dazu aus viel hochqualitativem Protein (oft 2-3 g / kg Körpergewicht) und idealem Krafttraining für den Muskelerhalt besteht, ist etwas gänzlich anderes!
- Die Top-Diäten arbeiten heutzutage fast alle mit Refeeds und Diätpausen, was die Situation weiter verändert.
Deine Muskelmasse ist dadurch viel besser geschützt. Die maximale Energietransferrate deiner Fettspeicher kann damit höchstwahrscheinlich gesteigert werden.
Realitiy Check: Kommst du mit extremen Diäten wirklich in den kritischen Bereich?
Eine der moderne Diäten, die mit großen Kaloriendefiziten arbeiten, ist beispielsweise unsere High Speed Diät (HSD), eine weiterentwickelte Form der PSMF.
Maximales theoretisches Defizit versus praktischen High Speed Diät Defizit
In der Tabelle siehst du einen Vergleich der theoretischen maximalen Fetttransferrate (69,31 kcal/ kg Fett) und der realen Defizite bei der HSD.
Die Defizite in der HSD liegen zum Teil deutlich unter den maximalen theoretischen Defiziten!
| Gewicht | KFA | Max. theoretisches Defizit | Reales “High Speed Diät”-Defizit* | Differenz |
|---|---|---|---|---|
| 100 | 30% | 2079 kcal | 1404 kcal | 676 kcal |
| 100 | 20% | 1386 kcal | 1311 kcal | 76 kcal |
| 100 | 15% | 1040 kcal | 1184 kcal | -144 kcal |
| 80 | 30% | 1663 kcal | 1165 kcal | 499 kcal |
| 80 | 20% | 1109 kcal | 1090 kcal | 19 kcal |
| 80 | 15% | 832 kcal | 989 kcal | -157 kcal |
| 70 | 30% | 1456 kcal | 1045 kcal | 410 kcal |
| 70 | 20% | 970 kcal | 980 kcal | -10 kcal |
| 70 | 15% | 728 kcal | 892 kcal | -164 kcal |
*Hinweis: HSD Typ 1,2 und 3 wurden beachtet. Bei der kcal-Zufuhr wurden 10g Fischöl, +10g unvermeidbares sonstiges Fett + 30g KH unvermeidbare sonstige Kohlenhydrate + 100 kcal durch Gemüse, MiniRefeeds und BigRefeeds beachtet. 400 kcal Trainingsverbrauch pro Woche nicht hinzugezählt, da der Sport die max. Transferrate erhöhen würde.
Lediglich bei einem KFA von 15% ist das HSD Defizit geringfügig größer als das theoretische maximale Defizit. Aufgrund der hohen Proteinzufuhr und dem strukturierten Krafttraining in der HSD, ist das jedoch zu vernachlässigen. Denn dadurch wird die maximale Fetttransferrate nach oben geschraubt.
Nicht sicher, welcher Ansatz für dich der richtige ist?
Mit weniger als 12-15% solltest du eine High Speed Diät oder PSMF auch nicht mehr durchführen (Frauen nicht weniger als 22-25%). Ab diesem Punkt sind moderatere Kaloriendefizite notwendig, damit deine Hormone nicht verrückt spielen und deine Muskelmasse weitestgehend erhalten bleibt.
Was ist bei niedrigeren Körperfettanteilen?
“Fahre ein 500 kcal Defizit.”, lautet die Standardempfehlung aus guten alten Zeiten. Damit zielt man auf 0,5 kg Fettabnahme pro Woche. Die meisten guten Diäten für niedrigere Körperfettanteile setzen diese Marke. Das trifft sich auch mit den evidenzbasierten Empfehlungen von 0,5-1% Körpergewichtsverlust pro Woche 3Helms ER, Aragon AA, Fitschen PJ. Evidence-based recommendations for natural bodybuilding contest preparation: nutrition and supplementation. J Int Soc Sports Nutr. 2014 May 12;11:20. doi: 10.1186/1550-2783-11-20. eCollection 2014. Review. PubMed PMID: 24864135; PubMed Central PMCID: PMC4033492..
Interessant ist, dass das wiederrum ziemlich genau übereinstimmt mit der theoretischen maximalen Fetttransferrate für sehr “leane” Athleten: “Bei 70 kg mit 10% KFA: maximal ein 485 kcal-Defizit.”
Eine empfehlenswerte Diät, die das genau so macht ist die BURN-Diät.
Gilt das auch für Frauen?
Da Frauen höhere Körperfettanteile als Männer haben, bekommen sie laut der theoretischen Fetttransferrate meist noch höhere errechnete maximale kcal-Defizite. Das wird nur bedingt durch das geringere Körpergewicht ausgeglichen.
Nehmen wir eine sehr schlanke und austrainierte Frau mit 55 kg und 19% KFA. Das errechnete maximale Defizit beträgt 724 kcal pro Tag. Das ist sogar noch mehr als für vergleichbare Männer.
Das sollte nicht für bare Münze genommen werden. Die Studie basiert hauptsächlich auf Daten von Männern und es ist höchst unwahrscheinlich, dass Frauen höhere Defizite als Männer fahren können, ohne eine massive hormonelle Gegenreaktion zu erfahren.
Zusammenfassung
Studien können immer nur Aussagen über die Gruppe machen, die auch wirklich untersucht wurde. Hier also vorrangig viele Männer, bei einer simulierten Hungersnot. Ihre Ernährung bestand aus Kartoffeln, Brot und anderen Dingen, die man in einer Hungersnot so zusammenkratzen kann.
Eine genaue Aussage darüber, wie hoch das wirkliche maximale Defizit mit Krafttraining und hoher Proteinzufuhr gesetzt werden könnte, kann nicht getroffen werden. Da jedoch selbst bei einer HSD und PSMF diese Werte nicht oder kaum überschritten werden, ist das genau zu wissen aber auch gar nicht so wichtig. Mit Krafttraining und eiweißreicher Ernährung wird das Limit jedenfalls nach oben gepusht.
Aus der Praxis wissen wir, dass noch extremere Diätformen als eine HSD oder PSMF nicht zu empfehlen sind. Daher ist es nicht notwendig genau zu wissen, wie hoch das maximale theoretische Defizit wirklich ist. Eine HSD/PSMF ist das Maximum, was du tun solltest um dein Fett schnell schmelzen zu lassen und Kraft- und Muskelmasse zu erhalten.
Die oft zitierten 69,31 kcal/kg sind jedenfalls kein Argument gegen eine High Speed Diät (HSD) oder PSMF, deuten aber gleichzeitig darauf hin, dass irgendwo in der Nähe dieser Region das Limit liegt. Was sich mit der praktischen Erfahrung deckt: Eine geringere Proteinzufuhr oder gar extremere Diätformen wie Saftfasten, Kohlsuppendiäten sind nicht empfehlenswert.
Willst du mit einer moderaten Diät abnehmen (was in vielen Situationen sinnvoller ist), empfehlen wir die BURN-Diät an.
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Super hilfreich erklärt. Wirklich riesen Dank an Sie!
Vielen Dank für Ihre guten Gedankenanstöße zum Abnehmen. Ohne es selbst wirklich zu wollen fällt es sehr schwer abzunehmen. Also bei uns war es so, dass wir zuerst selbst davon überzeugt sein mussten, es wirklich ernst zu meinen mit dem Abnehmen. Zu verlockend sind die täglichen Leckereien aus dem Supermarkt, vom Bäcker oder sonst wo.
Das größte Problem beim Abnehmen ist: Sich nicht ablenken lassen von dem Entschluss. Wer sich mit Essen selbst gern belohnt, hat es besonders schwer. Bei uns war das so. Wir mussten uns einen Ersatz für das gute Essen überlegen, das unser Belohnungszentrum im Gehirn stattdessen aktivierte.
In unserem Fall war es Sport. Wir nutzten jede Gelegenheit, um etwas für unseren Body und unsere Gesundheit zu tun. Wir gingen abends hinaus zum Walken, am Wochenende auf die Berge und wenn schlechtes Wetter war, machten wir zuhause Gymnastik.
Aber das alles bewirkte noch nicht das Abnehmen bei uns. Am Wichtigsten war die Ernährungsumstellung und zwar so, dass wir sie auch durchhalten konnten. Dazu gehörte es, dass das Essen auch weiterhin gut schmecken sollte. Irgendetwas essen wollten wir nicht. Da wir Genussmenschen sind, sollte die Ernährungsumstellung unseren Geschmack treffen.
Eines war klar: Wir verzichteten von nun an auf Alkohol, Zucker und Fertiggerichte. Es sollten nur noch frische, selbst zubereitete Lebensmittel auf den Tisch. Und für den kleinen Hunger zwischendurch gab es bei uns Studentenfutter, Joghurt oder Obst.
Natürlich achteten wir auch darauf, bewusst zu essen und nicht nebenbei schnell etwas in uns hineinzustopfen. Das war manchmal schwierig, weil unser Alltag – wie bei vielen anderen Menschen – sehr stressig ist. Wir schafften es langsam, über Wochen, 4 Kilo abzunehmen. Noch heute achten wir auf eine gesunde und natürlich Ernährung. Es gibt gesündere Phasen und ungesündere. Bis heute ist das so.
Hallo!
Stimmt es, dass schnelles Abnehmen dazu führt, dass mehr lose Haut übrig bleibt? Ist lose Haut bei größeren Gewichtsverlusten überhaupt vermeidbar?
LG
Lose Haut hat erst mal nichts mit der Abnehm-Geschwindigeit zu tun. Dafür ist selbst „schnelles Abnehmen“ immer noch zu langsam.
Bei großen Gewichtsverlusten gibt es verschiedene Szenarien. Manchmal bildet sich dich Haut über viele Monate zurück. Manchmal hilft nur ein operativer Eingriff. Ist alles sehr individuell -> Alter, Genetik usw.
Tausend Dank für die Antwort, lieber Johannes. Im Internet habe ich nämlich immer wieder von besagter Behauptung gelesen. Eine Behauptung, die ich für mich wieder einmal als „pseudowissenschaftlichen Klatsch der übelsten Sorte“ verbuche. :-)
LG
Guter Artikel, Danke
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